LCB-Programmarchiv

LCB-Veranstaltungen 05/2002

Mittwoch
Mai
20.00 Uhr
08.05.2002

Das Kritikon.
Hartmut Köhler liest und kommentiert seine Gracián-Übersetzung

Moderation: Chris Rauseo

Baltasar Gracián

Der Trierer Romanist Hartmut Köhler und der Ammann Verlag haben mehr als 1000 Seiten aus dem spanischen Barock ins Deutsche und in die Gegenwart gerettet: Baltasar Graciáns (1601-1658) "El Criticón" liegt erstmals komplett in deutscher Übersetzung vor. In mehrfachem Sinne ist "Das Kritikon" ein epochales Buch: ein düsteres Sittengemälde seiner Zeit, eine satirische Menschen- und Realienkunde, ein moralphilosophischer Monumentalessay, und nicht zuletzt auch ein an ästhetischen Attraktionen reiches Sprachkunstwerk. Hartmut Köhler führt ein in die Welt des Jesuitenpredigers Gracián, liest aus seiner Übersetzung und stellt sich den Fragen des Literaturwissenschaftlers Chris Rauseo (Berlin/Vincennes).

Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Dienstag
Mai
20.00 Uhr
14.05.2002

Studio LCB
Lesung: Sibylle Lewitscharoff

Gesprächspartner: Ursula März und Martin Mosebach
Moderation: Denis Scheck

Sibylle Lewitscharoff

"Einem Verrückten gefällt die Welt wie sie ist, weil er in ihrer Mitte wohnt. Nicht irgendwo in irgendeiner Mitte, sondern in der gefährlich inschüssigen Mittemitte, im Zwing-Ei." Als Sibylle Lewitscharoff 1998 für einen Auszug aus ihrem Debütroman "Pong" (Berlin Verlag 1998) den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, war der Chor der deutschen Gegenwartsliteratur um eine ganz und gar eigenständige Stimme verstärkt.
     In originellen Bildern und mit der Wucht einer sehr anschaulichen Sprache, gespeist aus dem Alten Testament und den Grimmschen Märchen, schrieb die 1953 geborene Autorin über einen Verrückten, doch keinen tumben Toren oder freundlichen Rain Man, im Gegenteil: "voll mit überscharfem Senf" war Pong, Senf, "den sich mit Rücksicht auf den eigenen Anus keiner mehr so leicht auf die Wurst schmiert." Es gab kein Außen in diesem Buch, kaum daß ein paar Straßennamen den Schauplatz Berlin und einige zeitgenössische Requisiten die Gegenwart andeuteten.
     Nun hat die studierte Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff einen Roman geschrieben, der von einer Neuverfilmung von Veit Harlans antisemitischem Propagandafilm "Jud Süß" handelt und in Stuttgart und Rom spielt. Aus diesem noch unveröffentlichten Manuskript wird die Autorin lesen und mit der Literaturkritikerin Ursula März sowie dem Schriftsteller Martin Mosebach über ihre Arbeit diskutieren.

Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Deutschlandfunk. Sendetermin: 25.05.2002, 20.05 Sendefrequenzen unter: http://www.dradio.de/dlf/freq/
Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Mittwoch
Mai
20.00 Uhr
15.05.2002

Europäische Erzähler

Lesung: Will Self (London)
Moderation: Denis Scheck

Veranstaltung in englischer Sprache!

 

Will Self, Jahrgang 1961, galt in den neunziger Jahren als das enfant terrible der englischen Literatur. Auf die Frage nach Einflüssen auf sein Schreiben nennt er "the drugs/ technology/ crazed suburbia influences of William Burroughs and JG Ballard, and the scatological satiric tradition of Swift", spricht von "dirty realism", in dem Traum und Realität unauflöslich ineinander fließen (mehr über den Autor unter www.willself.org.uk).
     Sein Roman "How the Dead Live" (dt. "Wie Tote leben", aus dem Englischen von Klaus Berr, Luchterhand Literaturverlag) beginnt auf dem Sterbebett der 66-jährigen Lily Bloom. Die Heldin hält wehmütig Rückschau auf ihr Leben, wettert delirierend gegen Gott und die Welt. Doch der Tod ist nicht das Ende - Will Self erzählt die Geschichte der Heldin im Totenreich. Lily Blooms innerer Monolog gerät zur scharfsinnigen Abrechnung mit dem zwanzigsten Jahrhundert, mit Politik und Klatsch, Kunst und Werbung, Moden und Spleens.

In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Volkshochschule Berlin
Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Donnerstag
Mai
20.00 Uhr
16.05.2002

Europäische Erzähler

Lesung: Dan Tsalka (Tel Aviv)
Moderation: Marko Martin

Dan Tsalka

Dan Tskala wurde 1936 in Warschau geboren, floh mit seinen Eltern vor den Deutschen nach Kasachstan, kehrte 1946 zurück und emigrierte 1957 nach Israel. Heute gilt er als "einer der fähigsten Geschichtenerzähler unserer Zeit" (Alberto Manguel). Soeben erschien die Übersetzung seines bedeutenden, bereits 1991 im Original vorgelegten Romans "Tausend Herzen" (DVA, aus dem Hebräischen von Barbara Linner): über hundert Jahre jüdischer Geschichte, verwoben in einem großen literarischen Epos. Tsalkas monumentales Werk kann als detailgenaue Annäherung an die Geschichte Israels, als differenzierter Kommentar zum Nahostkonflikt oder auch als Abgesang auf Utopien jeder Ausprägung gelesen werden.

Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Donnerstag
Mai
20.00 Uhr
23.05.2002

Das zweite Buch
"Klausen"

Lesung: Andreas Maier
Moderation: Hans Joachim Neubauer

 

Was passiert einem Autor im Jahr 2000, dessen Debütroman im weitesten Sinne von Heimat handelt, nichts mit den egomanischen Selbstbeschreibungen populärer Jungliteraten zu tun hat, fast durchgehend im Konjunktiv I steht und zudem auf 315 Seiten nur zwei Absätze hat? Er wird nicht nur von der Kritik gefeiert und gleich mit drei Preisen bedacht, sein Buch verkauft sich auch noch blendend.
     Die Rede ist von Andreas Maier, Jahrgang 1967, und seinem Roman "Wäldchestag" (Suhrkamp), einem Buch, "dessen Be-schreibungskunst zum Witzigsten gehört, was die deutsche Literatur seit langem hervorgebracht hat." (Hubert Spiegel in der FAZ) Die Latte für das zweite Werk des mittlerweile in Südtirol lebenden Schriftstellers aus der Wetterau hängt demnach sehr hoch.
     Es heißt "Klausen", spielt erneut in der gar nicht so weltabgewandten Provinz und erzählt in bewährt unterhaltsam-anspruchsvoller Manier, wie eine Verwirrung die nächste stiftet, bis alle Gewißheiten immer wahnhaftere Züge annehmen und Menschen aus unterschiedlichsten Beweggründen zur (Un-)Tat drängen. Vorgestellt und befragt wird Andreas Maier von dem in Berlin lebenden Autor und Literaturkritiker Hans-Joachim Neubauer.

Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Dienstag
Mai
20.00 Uhr
28.05.2002

Prosadebüt
"Lauf Jäger lauf!"

Lesung: Henning Ahrens
Moderation: Stephan Maus

 

"Was für ein großartiges, lächerliches, eigensinniges und vollkommen verrücktes Buch! Es steht ganz einzigartig da in unserer Literaturlandschaft, oder richtiger: Es steht gar nicht, es springt und holpert, schiebt und dreht sich, ist Rumpelstilzchen und Druide, ist jenes schräge Ding, auf das man (jetzt weiß manīs) die längste Zeit gewartet hat" (Jochen Jung in der ZEIT).
     Bevor Henning Ahrens, Jg. 1964, diesen ausgefuchsten, raffiniert gegen alle literarischen Moden konzipierten Debütroman vorlegte, hatte er bereits mit zwei bei der DVA erschienenen Lyrikbänden, "Stoppelbrand" und "Lieblied was kommt", für Aufmerksamkeit gesorgt. Durch den Abend führt der in Berlin lebende Autor und Literaturkritiker Stephan Maus.

Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

Donnerstag
Mai
20.00 Uhr
30.05.2002

Prosadebüt
"Desaster"

Lesung: Bruno Richard
Moderation: Joachim Scholl

 

Berlin kurz vor dem Jahrtausendwechsel: Luxuskarossen fliegen in die Luft, die Y2K-Panik ist im vollen Schwange, dubiose russische Diamantenhändler machen ihre Geschäfte mit zweifelhaften Juwelieren aus Idar-Oberstein, die neue Berliner Gesellschaft, oder was sich dafür hält, versammelt sich im Adlon oder bei Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden.
     Eine seltsame Melange aus Verschwörungstheorien und latenter Kriminalität grundiert Bruno Richards opulenten Berlinroman, in dessen Zentrum Laimer steht, ein Mann in den Vierzigern, der sein Geld durch eine seltsame Dienstleistung verdient: "Risikoverminderung durch ausgelagerte Diskretion. Sein Service besteht darin, aus Akten, Informationen, Hinweisen und Vermutungen der Klienten eine Geschichte zu machen, die vor dem standhält, was die Leute Wahrheit nennen. Er fühlt sich als anonymer Privatredakteur anonymer Auftraggeber, die anonyme Zwecke verfolgen."
     Richard versteht es dabei meisterhaft, zwischen den verschiedensten sozialen und lokalen Milieus des zeitgenössischen Berlin zu changieren. Hinter dem Pseudonym Bruno Richard verbirgt sich der Essayist, freie Literaturkritiker und einstige Chefredakteur des Stadtmagazins "zitty" Bruno Preisendörfer. Dies ist die erste Lesung aus dem Roman "Desaster", der am 1. Juni im S. Fischer Verlag erscheint. Autor und Buch werden von Joachim Scholl vorgestellt.

Eintritt: 5 Euro / 3 Euro

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