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Quelle: http://www.lcb.de/autoren/werkstatt/teilnehmer2000.htm

Autorenwerkstatt Prosa - Teilnehmer 2000

Renate Baum ist 1970 in Mecklenburg geboren und hat eine Odyssee durch Bildungsinstitutionen in der Wendezeit durchlaufen, bis sie bildende Künstlerin wurde. Sie hat angefangen mit einer Facharbeiterausbildung als Biologielaborantin an einem Institut für Kartoffelforschung, dann Mathematik in Jena studiert, an der Hochschule für Kunst in Halle Plastik/Keramik, bei Hedwig Bollhagen ein Praktikum gemacht, mit einem DAAD-Stipendium war sie in Paris und hat bei Christian Boltanski studiert, ein Studienaufenthalt, der auch in ihrem Text wie eine Folie durchschimmert. Renate Baum legt ein faszinierendes Text-Konvolut vor, das jetzt noch den spröden Titel "Diplomarbeit" trägt, eine Augen-Bewegung einer wachen Beobachterin zwischen den Metropolen, zwischen einem Mann names Ernst und einem anderen Mann mit selbem Namen - eine offene Schreibweise zwischen Abhängigkeiten und eroberten Freiheiten und Tollkühnheiten.

Miriam Bosse ist 1971 in Eutin geboren, hat in Tübingen empirische Kulturwissenschaft und Pädagogik studiert und nebenbei am Studio Literatur der Universität Tübingen ihr Schreiben erprobt. Seit dem Herbst 1996 hat sie einen Studienplatz am Literaturinstitut Leipzig, also ein Ausbildungsgang, der konsequent in die Literatur führt. Sie legt eine Erzählung "Am Wolfsberg" vor. Es ist die Geschichte argwöhnischer, besserwisserischer, "wölfischer" Kinder, deren Mutter am Abendbrottisch behauptet, im KZ gewesen zu sein. Miriam Bosse untersucht mit ruhigem Kalkül die Wirkung des Faschismus wie ein schwärendes Gift aus der Perspektive der dritten Generation.

Nora Estermann, 1951 geboren und in Grellingen in der Schweiz lebend, bringt ganz untypische Voraussetzungen für die Werkstatt mit. Sie hat eine Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin, hat vier Kinder großgezogen und während fünfzehn Jahren aus eigener Initiative eine Betreuung für Kinder aus sozial schwachen Familien auf die Beine gestellt. Das erklärt wohl hinlänglich ihren späten Start in die Literatur. Sie arbeitet an einem Roman mit dem Titel "Goldmanns Frauen", einer magischen, märchenhaften Prosa vom Verlassen und Verlassensein.

Christina Griebel, 1973 in Ulm geboren, erhielt das Stipendium für eine Sammlung von Erzählungen "Madame Brei": Es sind Texte über kulturelle Sprünge, Widersprüche, kleine ethnologische Forschungreisen voller Witz zwischen Moskau und Island, darunter die Beschreibung eines höchst absurden Treffens von Lehrern in der Provinz. Christina Griebel hat an der Kunstakademie in Karlsruhe bei Horst Antes studiert und gleichzeitig Germanistik an der Universität Karlsruhe. Also eine Doppelbegabung wie Renate Baum. Sie ist in den Schuldienst gegangen, hat ein Referendariat abgeleistet und gerade ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen.

Christof Hamann überzeugte die Jury mit einem Romanentwurf "Seegefrörne", ein rätselhaftes Wort, das ein Bodensee-Hochwasser bezeichnet. Ein Erzähler kommt in eine kleine Bodensee-Gemeinde, wird mit aller Betulichkeit empfangen, soll ihr Chronist werden und wird gleichzeitig ihr Voyeur. Er interessiert sich aber nicht so sehr für die ordentlich archivierte Geschichte, sondern für einen verschwundenen Jungen, der ertrunken oder einfach weggangen sein kann. Christof Hamann ist 1966 in Überlingen geboren, hat Germanistik, Philosophie und Soziologie studiert und gerade eine Dissertation über "Grenzen der Metropole: New York in Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" abgeschlossen.

Martin Prinz kommt aus Wien, ist 1973 geboren, studiert Theaterwissenschaft und Germanistik und ist nebenbei journalistisch tätig. Er schreibt an einem Buch mit dem Titel "Stadtbahn", einer sensiblen Suche nach dem Land, der irischen Landschaft, auch zu lesen als eine Stadtflucht nach einer aufgegebenen Liebe. Sein Text ist der einzige im Wettbewerb, der intensiv mit Landschaft, mit Naturbeschreibungen umgeht, das fiel auf und brachte ihm das Stipendium.

Andreas Schäfer hat ein Romanprojekt mit dem Titel "Der griechische Balkon" vorgelegt. Es ist eine Familiengeschichte von Migranten in der dritten Generation, es könnte ein groß angelegtes Epos werden, eine attische Tragödie mt einem in Griechenland zurückgelassenen Geheimnis, einem gebrochenen Tabu. Dies ist auch eine Korrespondenz zum Text von Miriam Bosse, obwohl die literarischen Verfahrensweisen gänzlich verschieden sind. Andreas Schäfer ist 1969 in Hamburg geboren, er hat Germanistik und Religionswissenschaft studiert, bereits in Anthologien veröffentlicht und viele journalistische Texte geschrieben. Er ist fester Mitarbeiter der Berliner Zeitung.

Julia Christina Wolf kommt aus Frankfurt, sie ist 1980 geboren, hat aber bereits eine erstaunliche Schreib-Biographie. Sie hat 1999 Abitur gemacht, danach ein halbes Jahr in einem Kibbuz in Israel gearbeitet, jetzt jobbt sie am Frankfurter Flughafen, einem Ort, der sich vorzüglich zu jedweder ästhetischen Recherche eignet. Sie hat mehrmals am Treffen Junger Autoren in Berlin teilgenommen. Ihr wird das Stipendium zuerkannt für das Romanprojekt "Ingrid", eine Studie über eine lebensdurstige Prostituierte.