Kleists Naturwissenschaften

Internationale Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, 18.-21.11.2004 im LCB

Die Internationale Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft widmet sich „Kleists Naturwissenschaften“. Neben den wissenschaftlichen Vorträgen (ab Donnerstag, 14.30 Uhr) wird am Donnerstag, den 18.11. um 20.00 Uhr eine Voraufführung des Films „Käthchens Traum“ stattfinden (Regie: Jürgen Flimm; Buch: Stefan Dähnert, mit: Tobias Moretti, Julia Stemberger, Teresa Weißbach, Armin Rohde, August Zirner, Sylvester Groth u.a.), mit anschließendem Gespräch mit Jürgen Flimm und Tobias Moretti (angefragt) sowie Gebhard Henke, Susanne Ottersbach-Flimm, Rolf-Peter Janz, Günter Blamberger u.a. Weitere Informationen unter www.uni-koeln.de/kleist.
Programmbeschreibung

„Man könnte die Menschen in zwei Klassen abteilen; in solche, die sich auf eine Metapher und 2) in solche, die sich auf eine Formel verstehn. Deren, die sich auf beides verstehn, sind zu wenige, sie machen keine Klasse aus.“ Wenige? Auf jeden Fall einer: Kleist, der 1799 in Frankfurt/Oder Philosophie und Physik bei Wünsch und Mathematik bei Huth studiert, um das Studium an der Viadrina ein Jahr später enttäuscht von allen Wahrheitsanstrengungen der Wissenschaft wieder abzubrechen. Die Liebe zu den Formeln aber bleibt, noch im Juli 1805 rechnet er seinem Freund Pfuel die Entwicklung eines hydrostatischen Tauchboots umständlich vor und 1810 begründet er die Grazie von Marionetten mit Newtons Gravitationsgesetzen. Wer versteht sich sonst noch auf Formeln und Metaphern? Wenige sind es nicht. Kleists These wird fragwürdig, denkt man an Lichtenberg oder Goethe, Büchner oder Benn. Zumal um 1800 sind Doppelbegabungen keineswegs selten: Dichter wie Schiller, Novalis, Chamisso, Arnim verfügen über eine professionelle naturwissenschaftliche Ausbildung, Mediziner wie Schubert, Kerner oder Carus sind praktizierende Maler oder Dichter, neueste naturwissenschaftlich-technische Errungenschaften der Zeit sind generative Kerne für die Dichtung der beiden Schlegels, Brentanos oder E.T.A. Hoffmanns. Diese Gemengelage ist typisch für die Epochenschwelle um 1800. Entsichert wird hier nicht nur die politische, die ständische Ordnung, entsichert werden auch die Wissensordnungen der Aufklärungszeit mit Konsequenzen für Ästhetik und Poetologie, für Figuren der Wahrnehmung und Darstellung von Wirklichkeit. Um eine Zwischenzeit handelt es sich, zwischen Aufklärung und Realismus, zwischen Empirismus und Rationalismus des 18. Jahrhunderts und Positivismus des 19. Jahrhunderts. In der Dichtung um 1800 werden Modelle der philosophisch-spekulativen Naturforschung mit denen szientifisch-exakter Naturwissenschaft verhandelt, und oft genug hat das Kunstwerk, das daraus entsteht, wie es in Hoffmanns ‚Serapions-Brüder’ heißt, „eine kaleidoskopische Natur [...], nach welcher die heterogensten Stoffe willkürlich durcheinandergeschüttelt, doch zuletzt artige Figuren bilden“. Die Erinnerung an diese „an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen Studien so arme Periode“ löst bei gediegenen Naturwissenschaftlern wie Liebig später nur „Schreck und Entsetzen“ aus, als er „aus diesem Taumel zum Bewusstsein erwachte“, Literaten dagegen macht der „Taumel“ produktiv. Kleists Kant-Krise und ihre Fruktifizierung in der Dichtung ist ein Exempel dafür.
Gefragt wird auf der Tagung:

  1. nach der Transformierung naturwissenschaftlicher bzw. naturphilosophischer Theoreme in Kleists Dichtung, nach Spuren und Metamorphosen mathematischer, medizinisch-anthropologischer oder physikalisch-chemischer Verfahren bzw. nach Spuren und Metamorphosen nicht-empirisch spekulativer Verfahren;
  2. nach der Poetologie des Wissens, also nach dem Zusammenhang von Wissen und Darstellen;
  3. nach dem Zusammenhang der Experimentierkulturen von Literatur und Wissenschaft bei der Erforschung innerer wie äußerer Natur als ‚terra incognita’, wobei die von Novalis im ‚Allgemeinen Brouillon’ behauptete Analogie des „Experimentiren mit Bildern und Begriffen“ und des „phys[ikalischen] Experim[entieren]“ zu prüfen ist;
  4. nach Vorgriffen von Kleists Gedankenexperimenten auf zukünftige naturwissenschaftlich-technische Forschungen und Entwicklungen.

Programm:

Donnerstag, 18.11.2004

12.00

Vorstandssitzung

14.30-15.00

Begrüßung durch Ulrich Janetzki (LCB), Günter Blamberger (Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft)

15.00-16.00

Walter H. Hinderer: Ansichten von der Rückseite der Naturwissenschaft: Antinomien in Heinrich von Kleists Welt- und Selbstverständnis

16.00-17.00

Claudia Benthien: Die Unnatur des Menschen. Kleists Destruktion von Schillers humanistischer Anthropologie

17.30-18.30

Rudolf Drux: Kunigundes künstlicher Körper. Ein „mosaisches“ Motiv aus Heinrich von Kleists Schauspiel Das Käthchen von Heilbronn in wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive

20.00

Filmvorführung Käthchens Traum (Regie: Jürgen Flimm; Buch: Stefan Dähnert, mit: Tobias Moretti, Julia Stemberger, Teresa Weißbach, Armin Rohde, August Zirner, Sylvester Groth u.a.), anschließend Gespräch mit Jürgen Flimm und Tobias Moretti (angefragt) sowie Gebhard Henke, Susanne Ottersbach-Flimm, Rolf-Peter Janz, Günter Blamberger u.a.

Freitag, 19.11.2004

09.00-10.00

Jürgen Daiber: „Nichts Drittes ... in der Natur“? Heinrich von Kleists Dichtung im Spiegel romantischer Selbstexperimentation

10.00-11.00

Sascha Karcher: (Un-)berechenbare Räume. Kleists Topographie in der Novelle Michael Kohlhaas

11.30-12.30

Bernhard Greiner: Sturz als Halt: Kleists dramaturgische Physik

14.30-15.30

Roland Borgards: Experimentelle Aeronautik. Meteorologie, Elektrophysik, Literatur.

15.30-16.30

Alexander Honold: Zeit-Bahnen: Astronomische Denkfiguren bei Kleist

17.00-17.30

Kleist 2011 – Gespräch von Günter Blamberger mit Bernd Kauffmann (Kleist-Museum Frankfurt/Oder)

17.30-19.00

Mitgliedersalon, Lesungen, offenes Gespräch

20.00-22.00

Lesung: Emine Sevgi Özdamar, Moderation: Günter Blamberger und Dieter Stolz

Samstag, 20.11.2004

9.00-10.00

Sibylle Peters: Die Experimente der Berliner Abendblätter

10.00-11.00

Monika Schmitz-Emans: Wassermänner, Sirenen und andere Monster. Die Darstellung des Fremden als verbindendes Projekt des dichterischen, publizistischen und wissenschaftlichen Schreibens bei Kleist.

11.30-12.00

Philipp Klippel: Einführung in die Nutzung des Diskussionsforums auf der Homepage der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

12.00-14.00

Mitgliederversammlung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft (nicht öffentlich)

17.00-18.00

Heinrich von Kleist – Wege am Gendarmenmarkt: Führung mit Horst Häker (Treffpunkt: Schillerdenkmal am Gendarmenmarkt)

18.00-19.00

Kleist und Berlin: Vortrag und Gespräch mit Horst Häker im Kleisthaus Mauerstr. 53, anschließend Imbiß

20.00

„Penthesilea“ – Sinfonische Dichtung von Hugo Wolf, bearbeitet von Max Reger, Einführungsvortrag von Susanne Popp. Interpretation: Rinko Hama und Ruben Meliksetian (Klavier)

22.00 Uhr

Filmnacht des Berliner Ensemble: Gert Voss, Kirsten Dene und Ulrich Pleitgen in Heinrich von Kleists Die Hermannsschlacht, Verfilmung der Bochumer Theateraufführung 1983, Regie Film und Theater: Claus Peymann, Kamera: Thomas Mauch, Produzentin: Regina Ziegler

Sonntag, 21.11.2004

9.00

Kranzniederlegung am Kleist-Grab anlässlich des Todestages Heinrich von Kleists

11.00-13.00

Verleihung des Kleist-Preises 2004 an Emine Sevgi Özdamar, anschließend Nachfeier in der Kantine des Berliner Ensemble

20.00

Inszenierung der Hermannschlacht im Deutschen Theater Berlin (Regie: Tom Kühnel)

Die Jahrestagung und der Kleist-Preis werden unterstützt durch den Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien, der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung (Berlin), des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie

Logo: Kulturstiftung der Deutschen Bank
Logo: Beauftragter der BUndesregierung für die Belange behinderter Menschen

Ausstellung

Urbans Orbit – Einblicke in den Nachlass eines Übersetzers | Ausstellung. 20. Oktober 2017 – 9. Februar 2018

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