„Brücke Berlin“- Preis 2008 für Andrej Bitow und Rosemarie Tietze
Der russische Autor Andrej Bitow und seine Übersetzerin Rosemarie Tietze sind die Träger des „Brücke Berlin“-Preises 2008. Sie werden ausgezeichnet für den Roman „Das Puschkinhaus", der 2007 in deutscher Übersetzung im Suhrkamp Verlag erschienen ist.
Bitow, der 1937 in Leningrad geboren wurde, erzählt darin vom Leben in der Sowjetunion der 1950er und 1960er Jahre – und verwandelt im Dialog mit der großen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts dieses Leben in eine Spukwelt der Illusionen und Intrigen, der stummen Drohungen und sprechenden Dinge. Der Roman, der die 50-Jahrfeier der Oktoberrevolution im Geist des Karnevals unterminiert und die Erinnerung an die Lager nicht ausspart, entstand in den Jahren 1964 bis 1971, konnte in der Sowjetunion aber erst 1989 erscheinen. Die im Suhrkamp Verlag erschienene Neuübersetzung von Rosemarie Tietze macht dem deutschen Publikum zum ersten Mal den vollständigen Text des Romans einschließlich aller nachgetragenen Selbstkommentare des Autors zugänglich. So unaufdringlich wie erhellend erschließt die Übersetzerin in ihren eigenen Kommentaren wie in ihrem Nachwort die Fülle zeithistorischer Details, mit denen der Roman sein ironisches Spiel treibt. Hier hat ein Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts die glanzvolle deutsche Fassung gefunden, die er verdient.
Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und geht je zur Hälfte an den Autor und seine Übersetzerin. Die Preisverleihung findet am 11. September 2008 im Alten Museum in Berlin statt und ist mit einer Tagung zur Rezeption russischer Literatur in Deutschland im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) verbunden.
Der „Brücke Berlin“-Preis wird von der BHF-BANK-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem LCB und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in zweijähriger Folge vergeben. Schirmherr ist Péter Esterházy, in der Jury wirkten Esther Kinsky, Klaus-Dieter Lehmann, Lothar Müller und Ulrich Schmid mit. Der Preis lenkt den Blick auf die gegenwärtige Literatur der Länder Mittel- und Osteuropas, deren Stimmen den Prozess der europäischen Einigung mitgestalten werden. Darüberhinaus würdigt er die künstlerische und kulturvermittelnde Leistung literarischer Übersetzer.
Ansprechpartner für weitere Informationen:
Wilhelm Burmester
BHF-BANK-Stiftung
Tel. 069 - 718 34 42
E-mail: stiftung@bhf-bank.com
Jürgen Jakob Becker
Literarisches Colloquium Berlin
Tel 030 – 81 69 96 25
E-mail: becker@lcb.de
Informationen zu den Preisträgern:
Andrej Bitow
Geb. 1937 in Leningrad; Vater Architekt, Mutter Juristin. Erlebt als Kind den ersten Kriegswinter in Leningrad, dann Evakuierung über den Ladoga-See. Schulzeit und Studium wieder in Leningrad. Ausbildung zum Bergingenieur. Militärzeit, Teilnahme an geologischen Expeditionen. 1965-67 „Höhere Drehbuch-Kurse“ in Moskau In den frühen 70ern Aspirant am Moskauer Institut für Weltliteratur. Seit 1991 Präsident des russischen PEN.
Erste Prosa-Veröffentlichung 1960: drei Erzählungen im Almanach „Molodoj Leningrad“. Seit den 60er Jahren freiberuflicher Schriftsteller. Macht sich zunächst mit psychologisch einfühlsamen Erzählungen und Reiseskizzen einen Namen; später auch Essays und Drehbücher. Gilt als „Erfinder“ der postmodernen russischen Prosa („Das Puschkinhaus“) und als Klassiker der spät- und nachsowjetischen Zeit – „Rußlands bester Stilist“, wie DIE ZEIT schreibt.
Zahlreiche Ehrungen, u.a. Puschkin-Preis der Hamburger Alfred-Toepfer-Stiftung (1990), Russischer Staatspreis (1996), Ehrenbürger Armeniens und Ehrendoktor der Universität Jerewan (1997).
Weit über 50 Buch- und zahllose Zeitschriftenveröffentlichungen in Rußland. Übersetzungen ins Deutsche, Englische, Französische, Spanische, Schwedische, Dänische, Niederländische, Polnische, Finnische u.a.
Buchveröffentlichungen in deutscher Übersetzung:
- 1975
- Armenische Lektionen. Aus dem Russischen von Günter Löffler.Volk und Welt
- 1980
- Die Rolle. Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe. Bertelsmann
- 1990
- Die ungeliebte Albina. Aus dem Russischen von Erich Ahrndt u.a. Aufbau
- 1983
- Die Rolle. Aus dem Russischen von Kristiane Lichtenfeld. Volk und Welt
- 1983
- Das Puschkinhaus. Aus dem Russischen von Natascha Spitz-Wdowin und Sylvia List. Luchterhand
- 1990
- Die Vögel oder Neues vom Menschen. Aus dem Russischen von Hilde Angarowa. Pendo
- Deutsch von Rosemarie Tietze:
- 1990
- Das Licht der Toten. Luchterhand
- 1993
- Mensch in Landschaft. Eine Pilgerfahrt. Rowohlt Berlin
- 1999
- Puschkins Hase. Insel
- 2002
- Armenische Lektionen. Suhrkamp
- 2003
- Georgisches Album. Suhrkamp
- 2004
- Geschmack. Suhrkamp
- 2005
- Pobeda (1945-2005) Der Sieg. Futurum BM
- 2007
- Das Puschkinhaus. Suhrkamp
Rosemarie Tietze
Geb. 1944 in Oberkirch/Schwarzwald. Studium der Theaterwissenschaft, Slawistik und Germanistik in Köln, Wien und München, einjähriger Forschungsaufenthalt in Moskau. Zusatzausbildung als Übersetzerin und Dolmetscherin für Russisch. Seit 1972 freiberuflich tätig, zunächst in Wirtschaft und Wissenschaft, ab Ende 70er Jahre vor allem Literaturübersetzerin; seit 1984 außerdem Dozentin am Münchner Sprachen- und Dolmetscherinstitut. Initiatorin und Vorsitzende des 1997 gegründeten Deutschen Übersetzerfonds.
Auszeichnungen: 1990 Stuttgarter Literaturpreis, 1995 Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2003 Münchner Übersetzerpreis, 2005 Zuger Übersetzer-Stipendium.
Übersetzungen (Auswahl):
Prosa
- 1981
- Fjodor Dostojewskij: Der Großinquisitor. dtv
- 1986
- Boris Pasternak/Olga Freudenberg: Briefwechsel 1910-1954. S. Fischer
- 1987
- Andrej Tarkovskij: Opfer. Die Erzählung. Schirmer/Mosel
- 1990
- Andrej Bitow: Das Licht der Toten. Luchterhand (Ü. und Hg.)
- 1991
- Jewgeni Popow: Das Herz des Patrioten. S. Fischer
- 1994
- Andrej Bitow: Mensch in Landschaft. Eine Pilgerfahrt. Rowohlt
- 1997
- Jewgeni Popow: Wie es mit mir bergab ging. Fischer TB (Ü. und Hg.)
- 1999
- Andrej Bitow: Puschkins Hase. Insel
- 2002
- Andrej Bitow: Armenische Lektionen. Eine Reise aus Rußland. Suhrkamp
- 2003
- Andrej Bitow: Georgisches Album. Auf der Suche nach Heimat. Suhrkamp
- 2003
- Boris Schitkow: Wiktor Wawitsch. Roman. Hanser
- 2004
- Andrej Bitow: Geschmack. Novelle. Suhrkamp
- 2005
- Andrej Bitow: Pobeda (1945-2005) Der Sieg. Futurum BM, Moskau
- 2007
- Andrej Bitow: Das Puschkinhaus. Roman.Suhrkamp
Übersetzerin zahlreicher Theaterstücke u.a. von Lew Ustinow, Ljudmilla Petruschewskaja, Grigori Gorin, Vladimir Nabokov. Mitübersetzerin von S.A. Tolstaja, Tagebücher 1869-1897 und 1898-1910 (2 Bde), Vladimir Nabokov: Erzählungen I. 1921-1934. Gesammelte Werke Band XII.
Zahlreiche Aufsätze, Rezensionen, Rundfunkbeiträge zur russischen Literatur.
(08/2010) Das Förderprogramm „Grenzgänger“, das die Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin durchführt, wird zum 31. Oktober 2010 erneut ausgeschrieben.
