In der Mitte der Literatur
Das Literarische Colloquium Berlin
von Hans-Joachim Neubauer
Adresse für Autoren
Für hunderte von internationalen Autorinnen und Autoren wurde das LCB zum Symbol einer weltoffenen Stadt. Sein genius loci gründet auf einer konkreten und gründlichen Arbeit am Programm. Denn, anders als mancher Zuhörer denken mag, der am Wannsee einer Autorin oder einem Autor zuhört, ist das Haus mehr als eine Lesebühne unter anderen. Die Vereinssatzung des LCB schreibt "die Förderung der Kunst und Wissenschaft" als Zweck des Hauses fest. Fördern aber heißt vor allem: Begegnungen und Gespräche ermöglichen - zum einen zwischen den Autoren und Übersetzern, zum anderen zwischen ihnen und Vertretern weiterer literarischer Professionen, also Verlegern, Kritikern, Journalisten - und nicht zuletzt auch zwischen den schreibenden Gästen des Hauses und ihrem Publikum, den Leserinnen und Lesern.
Das Haus Am Sandwerder 5 ist Gästehaus, Tagungsstätte und Akademie in einem. In den oberen Stockwerken stehen elf Zimmer für Autoren, Übersetzer und andere Gäste des Hauses bereit; hier wohnen die Kurzzeitgäste und Stipendiaten. Manche werden Freunde, abends in der Rotunde am See oder oben über dem Dach: "Willkommen/ auf der gemeinsamen Feuerleiter/ im letzten Dachziegel unter der Rauchfahne/ (um nicht zu sagen: Fahne/ aus Bier und Frieden)/ wo Berlin verschwindet in einen Himmel ohne Vogelflug", heißt es in Christoph Meckels Gedicht für Günter Bruno Fuchs: "Hier oben/ sind wir die lustigen Vögel, meinetwegen/ die letzten Störche, unbezahlbar./ Wer sich als Singvogel ausgibt, soll/ nicht im Unrecht sein - willkommen/ auf der gemeinsamen Tonleiter oben."
Jeder, der an den Wannsee kommt, spürt die Geschichte und das spezielle Flair des Hauses. Für immer neue Anlässe, dies zu erleben, sorgt das dichte Programmangebot. 2002 etwa fanden im LCB 116 Veranstaltungen statt; viele davon waren öffentlich, andere richteten sich an ein ausgewähltes Publikum. Besonders aber den zahlreichen Schriftstellertreffen, Fachtagungen und Colloquien verdankt das Haus sein Renommee, denn hier geht es um die Hintergründe des Schreibens und Lesens, der Produktion und der Kritik.
Während die Presse in der Regel ausführlich von den öffentlichen Veranstaltungen berichtet, findet der lange Prozeß der Vorbereitung, Diskussion und Entscheidung hinter den Kulissen statt. Ähnliches gilt für die gesamte Programmarbeit des LCB: Im Schnitt wendet das Haus nur knapp ein Drittel seiner Programm-Mittel für seine öffentlichen Aktivitäten auf; der Großteil des Etats fließt in die Organisation von Werkstätten und Autorentreffen, in die Übersetzerförderung und in Schriftsteller-Stipendien. Zu den Gästen des LCB gehören auch die jährlich bis zu sechs Autorinnen und Autoren, die von der Berliner Senatsverwaltung, dem Auswärtigen Amt oder der Stiftung Preußische Seehandlung mit einem Stipendium bedacht werden.
Für das große Publikum jedoch bedeutet das Kürzel "LCB" immer auch "Lese-Club Berlin", denn seinen Gästen, den Lesern und Zuhörern, präsentiert sich das Haus in erster Linie durch Lesungen. Zu den thematischen Reihen des LCB gehören "Europäische Erzähler", "Das Wissen der Literatur" oder eine Debütantenreihe. Weit über Berlin hinaus verstärkt zudem das "Studio LCB" die Resonanz des Hauses. Seit Oktober 1990 können die Hörer des Deutschlandfunks monatlich Lesungen und Gespräche von Autoren und Kritikern verfolgen. In den zweistündigen Sendungen des "Studio LCB" lesen Autorinnen und Autoren aus einem unveröffentlichten Manuskript und diskutieren anschließend mit zwei Kritikern oder Schriftstellern intensiv über ihre Arbeit und darüber, wie aus einem Text ein Buch wird - eine in ihrer Kontinuität und Art einzigartige literarische Hörbühne. Und für mehrere tausend Besucher bildet Jahr für Jahr das Sommerfest des LCB einen Höhepunkt des literarischen Kalenders.
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