In der Mitte der Literatur
Das Literarische Colloquium Berlin
von Hans-Joachim Neubauer
Das Bild der Literatur: ein Archiv
Nur wenige Fotografinnen oder Fotografen haben das Bild - und damit das Gedächtnis - der jüngeren deutschen Literatur seit den sechziger Jahren so geprägt wie Renate von Mangoldt. Sie gehört zu den großen Chronistinnen ihrer Generation, und längst haben ihre ebenso prägnanten wie stimmungsvollen Porträts das "innere" Bild der jüngsten Literaturgeschichte geformt. Wer an Autoren wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Uwe Johnson oder Heiner Müller denkt, hat ihre Bilder vor Augen. Dabei wählt von Mangoldt das LCB zur Bühne ihrer Schwarz-weiß-Photographien; ihre Stars sind die Autorinnen und Autoren, aber ihr Sujet ist die Literatur. Von Mangoldts Porträts der LCB-Gäste begleiten die Geschichte des Hauses bis in die Gegenwart - nicht zuletzt durch ihre Publikation in der "Spritz" und anderen Organen. Wer einmal dabei sein durfte, wie sie selbst sperrige und fotoscheue Schriftsteller auf ein Foto vorbereitet, erhält eine Ahnung davon, wie schwierig ihre Kunst sein muss, Gesichter zum Sprechen zu bringen. Längst wird Renate von Mangoldt zu den herausragenden Porträtfotografen Deutschlands gezählt, und einige ihrer Fotos gelten als die gültigen Interpretationen auch der verborgenen Seiten im Gesicht der Literatur. Andere setzen die situativen Spannungen literarischer Debatten um in spannungsreiche photographische Szenen. Das faszinierende Archiv ihrer Arbeit gehört zu jenen dokumentarischen und historischen Schätzen, die beständig an Wert gewinnen werden.
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