Quelle: http://www.lcb.de/ueberuns/lcb/index.htm
In der Mitte der Literatur
Das Literarische Colloquium Berlin
von Hans-Joachim Neubauer
Das Haus am Wannsee
Literatur hat viele Orte, denn Lesen kann man überall, solange man nur Licht und Ruhe hat. Anders steht es mit dem Schreiben, und auch für das Zuhören braucht es eigene Räume: Wer einen solchen sucht, fährt in den Berliner Süden und biegt, gleich gegenüber vom Bahnhof Wannsee, in die Straße Am Sandwerder ein. Keine fünfzig Schritte weiter, linker Hand, steht er vor dem schmiedeeisernen Tor der Nummer 5. Er sieht: eine großzügige Auffahrt, einige Parkplätze, kleinere Gebäude rechts und links und hinten, zwischen den Bäumen, hoch aufragend, in rotem Backstein und turmbewehrt, eine der opulenten Villen, wie sie seit dem späten neunzehnten Jahrhundert die besseren, reicheren Viertel der Stadt schmücken. Das Literarische Colloquium Berlin aber, das hier residiert, steht für einen Reichtum der besonderen Art.
Schon als Walter Höllerer 1963 das LCB gründete, entwarf er es als zentralen Punkt auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur. Heute ist das Haus Am Sandwerder 5 nicht nur eine wichtige Berliner Adresse für Autoren und Leser und ein Treffpunkt internationaler Gäste, sondern "ein Nervenzentrum der gesamten deutschsprachigen Literatur", wie der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt einst schrieb. Das Bild ist klug gewählt: Tatsächlich bildet das LCB einen Mittelpunkt dessen, was Pierre Bourdieu das "literarische Feld" genannt hat, jenes Kräftefeld verschiedener mit dem Lesen und dem Buch zusammenhängender Personen und Institutionen.
Alles begann mit einer Veranstaltungsreihe, die der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und "Akzente"-Herausgeber Walter Höllerer an der Technischen Universität Berlin im Wintersemester 1959/60 ins Leben rief. Günter Eich und Ilse Aichinger, Max Frisch und Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson waren unter den ersten Gästen in Höllerers "Institut für Sprache im technischen Zeitalter". Ein Jahr später stellte er ein Programm auf die Beine, das dem - mittlerweile eingemauerten - West-Berliner Publikum die "creme" der internationalen Moderne präsentierte. Scharenweise zogen die Berliner in die Kongresshalle im Tiergarten, zu den Veranstaltungen mit Doderer, Butor und Sarraute, mit Ionesco, Dos Passos und Gombrowicz, und schon damals fand das literarische Geschehen ein zweites Publikum durch die Live-Übertragungen im Fernsehen und im Rundfunk. Im Oktober 1962 dann - Kuba-Krise und Spiegel-Affäre hielten die Menschen in Atem - lotste Höllerer das alljährliche Treffen der Gruppe 47 in die Villa am Sandwerder 5, "ein Labyrinth von Gerümpelkammern", wie man befand, aber ein Haus mit Atmosphäre und Charakter.
Seine literarische Tauglichkeit hatte dieses Gebäude am Wannsee schon zuvor unter Beweis gestellt. Hier, in der "imitierten Ritterburg", hatte im Sommer 1925 Carl Zuckmayer gelebt - als Gast von Ernst Goldschmidt, einem Verwandten seiner Mutter. Hier hatte er sein Stück "Der fröhliche Weinberg" geschrieben: "Küche und Keller waren vorzüglich" erinnert sich Zuckmayer in seiner Autobiographie, "die Zigarren standen offen zum Gebrauch, und mein Gastgeber war ein reizender Mensch, der außerdem jeden Morgen in die Stadt fuhr und erst gegen Abend zurückkam." Ursprünglich hatte das 1885 gebaute Haus einem Industriellen, dann einem Bankier gehört; 1934 kaufte es der jüdische Ingenieur Paul Rosin, der ein Jahr später emigrieren musste. Haus und Grundstück wurden "arisiert" (Rückerstattung 1953) und dienten später der Marine als Versuchsstation: Wo heute Dichter schreiben, entwickelte man damals eine Ein-Mann-U-Boot-Waffe. Die Reichsmarine auch baute das Atrium der Villa aus zu jenem großen Saal, der heute als Versammlungsraum genutzt wird. Nach dem Krieg betrieben die Alliierten im Haus Am Sandwerder 5 ein Casino und ein Hotel, und seit 1960 kümmert sich das Land Berlin um die Immobilie.
Im Mai 1963 wurde der Trägerverein des LCB gegründet, der "Wissenschaft und Kunst zu fördern" und "Beiträge zur Volkserziehung" zu liefern versprach durch die Präsentation jüngerer, "wenn möglich anwesender" Autoren und "artverwandter Berufsgruppen". Wie das Berliner Künstlerprogramm des DAAD, so verdankte auch das LCB seine ersten Programm-Mittel Shephard Stone und der Ford-Foundation, aus der die wirtschaftlich ausblutende Teilstadt manche symbolische und kulturelle Transfusion erhielt. Nur so konnte Höllerers Traum Wirklichkeit werden, ein Laboratorium der Künste zu schaffen, einen staatsfernen Freiraum ohne Mitgliedsausweis oder ästhetische Normierung.
Schon bald nach der Gründung füllte sich das Haus mit Leben: Schriftsteller und Filmemacher, Hörspielautoren und Medienwissenschaftler, Kritiker und Theaterleute kamen hier zusammen, um einander zuzuhören und miteinander zu arbeiten. So entstand 1963/64 der von vierzehn Autoren - darunter auch Nicolas Born und Hubert Fichte - gemeinsam verfasste legendäre Kollektivroman "Das Gästehaus". Eine Gruppe um den Filmemacher Wolfgang Ramsbott (1934-1991) experimentierte mit Dokumentarfilmen und legte den Grundstein für den deutschen Autorenfilm. Das "Living Theater" aus New York war zu Gast, Rozéwicz und Herbert aus Polen, Lawrence Ferlinghetti traf auf Andrej Wosnessenskij. Neben Walter Höllerer, der dem LCB bis 1983 als Direktor vorstand, betreuten zwei junge Autoren, der früh verstorbene Wolfgang Maier und der Österreicher Gerald Bisinger, die international angelegten "LCB-Editionen". Renate von Mangoldt begann mit der Arbeit an ihren Fotoporträts. In der Aufbruchstimmung der sechziger Jahre ging es zum einen darum, die Literatur neu neben den anderen Künsten zu verorten. Zugleich aber wurde der traditionelle literarische Kanon erweitert. Das war, zumindest während des Kalten Krieges, auch politisch subversiv. Denn wenn am Wannsee Autoren aus Osteuropa mit ihren Kollegen der westlichen Hemisphäre zusammentrafen, bewies das LCB, dass die Grenzen der politischen Welt für die literarische nicht gelten.
Die Geschichte des Literarischen Colloquiums ist immer auch die seiner Finanzierung gewesen. Die mit Hilfe der Ford-Foundation gemachten Anfänge wurden in der finanziellen Obhut des Landes Berlin weitergeführt und ausgebaut. Doch ohne die enge Kooperation mit vielen anderen Kulturinstitutionen wäre das LCB heute nicht eine der entscheidenden Schaltstellen des literarischen Lebens in Deutschland. Zu seinen Partnern zählen beispielsweise das Goethe-Institut/InterNationes, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und sein Berliner Künstlerprogramm, das Auswärtige Amt, die Stiftung Preußische Seehandlung, die ARD, der Deutschlandfunk, die Leipziger Buchmesse und zahlreiche ausländische Kulturinstitute und Botschaften.
Das LCB ist Gründungsort und Sitz der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten sowie, seit 1997, des Deutschen Übersetzerfonds. Doch die Arbeit am symbolischen Kapital Literatur ist nicht umsonst zu organisieren, und auch ein Netzwerk dieser Größe kann alleine die Kosten die Veranstaltungsprogramms nicht tragen, die nur zum Teil von öffentlichen Mitteln gedeckt werden. Also schafft das Haus seine eigenen Einnahmen - durch Vermietungen, Eintrittsgelder und nicht zuletzt durch Sponsoren: Heute finanziert das LCB einen erheblichen Teil seines Veranstaltungsetats durch selbständig eingeworbene Drittmittel.
| weiter » |