In der Mitte der Literatur
Das Literarische Colloquium Berlin
von Hans-Joachim Neubauer
"Sprache im technischen Zeitalter"
Das Haus Am Sandwerder 5 ist ein Ort der Begegnung und ein Zentrum des literarischen Gesprächs, zugleich aber auch eine publizistische Adresse. Denn hier wird die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" redaktionell betreut. Der eigensinnige Titel des Blattes, das praktisch "Spr.i.t.Z." geschrieben und liebevoll "Spritz" genannt wird, erklärt sich aus seiner inzwischen über vierzigjährigen Geschichte. Er verweist auf die akademischen Umstände der Gründung des LCB: Ohne Walter Höllerer und seine Arbeit am Lehrstuhl für Germanistik der Technischen Universität Berlin gäbe es heute weder die "Spritz" noch den Spielort am Sandwerder. Seit ihrer Gründung 1961 fand die "Spritz" als sprach- und literaturwissenschaftliche Zeitschrift verschiedene Verleger; die Redaktion jedoch, das Herz der Zeitschrift, befindet sich seit 1974 am Wannsee. Heute ist die "Spritz" so etwas wie die Chronik der laufenden Projekte und Debatten des Hauses: Hier hinterlassen die Autorentage, Werkstätten, Kritikertreffen und andere Begegnungen aus dem LCB ihre Spuren.
Zugleich aber widmet sich die "Spritz" der Theorie und der analytischen Reflexion über literarische und poetologische Themen. In ihren Essays geht es immer wieder um zentrale literaturwissenschaftliche, kultursoziologische, sprachphilosophische oder medientheoretische Fragen. Dabei hat jedes Heft einen anderen Schwerpunkt: einen Autor wie Peter Huchel (Nr. 150), politische Aspekte wie "Wahrnehmungen zu Deutschland" (Nr.154), literarische Querschnitte wie "Die Kommenden? Deutschsprachige Literatur der Mauerrisse" (Nr. 111, September 1989!) oder auch Bestandsaufnahmen wie die "Geschichten aus Deutschland 1989-1999", Heft 151 mit seinem Rückblick auf das erste literarische Jahrzehnt des vereinten Deutschland. Und die Nummer über den Zürcher Literaturstreit bildet noch heute die beste Dokumentation dieser aufsehenerregenden Debatte. Da die Zeitschrift trotz ihrer prägnanten Analysen immer "sachlich und entschieden antiideologisch" bleibt, wie die "Zeit" feststellte, bleibt sie auch nach Jahrzehnten eine bedeutende Chronik des literarischen Lebens, das "Organ einer krisenbewussten und immer wieder auch unbekannten Intelligenz" (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Bei einer Auflage von 1.500 Exemplaren kann man darauf vertrauen, dass die "Spritz", die seit einigen Jahren im Kölner SH-Verlag erscheint, auch weiterhin den Zuspruch ihrer Leser im In- und Ausland finden wird - zumal weltweit sechshundert Universitätsbibliotheken sie abonniert haben.
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