In der Mitte der Literatur
Das Literarische Colloquium Berlin

von Hans-Joachim Neubauer

Leuchtende Insel Übersetzerförderung

Im LCB ist die Literatur der Welt zu Gast. Außer den Autoren kommen immer wieder auch ihre Übersetzer. Denn letztlich läuft der Kontakt zu den großen und den unbekannten Stimmen der Weltliteratur hauptsächlich über die Übersetzer als die eigentlichen Literaturvermittler. Wenn das LCB wirklich, "vom Ausland her gesehen, ein unersetzliches Beispiel, eine leuchtende Insel" ist, wie Paul Nizon schreibt, liegt das sicher auch daran, daß hier die literarische Übersetzung seit Jahren konsequent gefördert wird. Gezielt fördert das LCB den grenzüberschreitenden Transfer der Literatur und die literarische Übersetzung, und zwar in beide Richtungen. So betreuen erfahrene Tutoren in der Berliner Übersetzerwerkstatt ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen bei konkreten Projekten. In regelmäßigen Wochenendseminaren können sich Übersetzerinnen und Übersetzer über Probleme und Erfahrungen bei ihrer Arbeit austauschen, und beim Übersetzercolloquium kleinerer europäischer Sprachen kommen die zusammen, die Literatur aus jenen Ländern und Regionen übersetzen, die eher am Rande der hiesigen Wahrnehmung liegen: Albanien, Finnland, Galizien, Island, Katalonien, Lettland, Litauen oder Weißrussland. Mit dem Deutschen Übersetzerfonds beherbergt das LCB seit 1997 eine bundesweit agierende Institution, die sich allein der Förderung der Übersetzungskunst widmet.

Auch die Verlage profitieren vom Engagement des LCB. Das vom Auswärtigen Amt und der Stiftung Pro Helvetia finanzierte Übersetzungsförderungsprogramm für Belletristik aus den Ländern Mittel- und Osteuropas unterstützt gezielt die Publikation neuer Bücher aus jenen Regionen, die bis 1989 hinter dem "Eisernen Vorhang" lagen. Denn die Annäherung zwischen den ehemaligen politischen Gegnern ist nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine wirtschaftliche Frage. Inzwischen umfasst die Bibliothek der seit 1993 geförderten Übersetzungen mehr als 150 Bände. Für die Rezeption der Literaturen jenseits der ehemaligen Demarkationslinien gibt dieses Programm weitreichende Impulse. Mehr noch: Wie das Beispiel des Nobelpreisträgers Imre Kertész zeigt, beginnt für viele Autoren Mittel- und Osteuropas der Weg zur internationalen Anerkennung mit der Übersetzung ihrer Bücher ins Deutsche.

Aber der transnationale Austausch von Literatur ist keine Einbahnstraße. Deshalb gilt die Aufmerksamkeit des LCB auch den fremdsprachigen Kollegen, die deutsche Texte in die Sprachen ihrer Länder übertragen. Jedes Jahr lädt das Haus eine Gruppe von ihnen zu einer Sommerakademie für Übersetzer. Dabei geht es nicht nur um die Arbeit am Text, sondern auch um die Möglichkeit, das literarische Feld Berlin kennen zu lernen: Die Gäste treffen sich mit Berliner Autoren und Journalisten, besuchen Lesungen und erkunden gemeinsam die neueste deutsche Literatur.

So spielt das LCB mittlerweile eine kaum zu überschätzende Rolle als Mittler in der auswärtigen Kulturpolitik - weshalb es im Auswärtigen Amt als Ansprechpartner geschätzt wird. Im Laufe der Jahre hat das LCB ein überaus dichtes Netz von Kontakten in allen Kontinenten geknüpft. Dieses Netzwerk dient der Werbung für die deutsche Literatur im Ausland, aber auch und vor allem der internationalen Kooperation.

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