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Quelle: https://www.lcb.de/ueberuns/sandwerder/index.htm

Die Villa „Am Sandwerder 5“

Literarisches Colloquium Berlin

von Barbara Kobek

Das LCB

Das von den Architekten Kayser & von Groszheim 1884/85 erbaute Haus in Wannsee, Am Sandwerder 5, ist seit 1962 Sitz des Literarischen Colloquiums. Wie alle „alten“ Häuser hat es eine bewegte Vergangenheit. 1874 sind die ersten Häuser in der „Villenkolonie Wannsee“ erbaut worden. Die Haveldüne (das Gelände fällt 25 m zum Ufer ab) gehörte bis zum Verkauf zu den Besitztümern des Prinzen Friedrich Karl von Preußen (1828-1885). Um 1896 wurde die Straße, die an der Haveldüne entlang führte, zur Friedrich-Karl-Straße, 1933 umbenannt in „Am Sandwerder“ (alter Name der Insel Schwanenwerder).

Auf dem von Baurat Robert Guthmann erworbenen Gelände nisteten sich erst einmal im Gärtnerhaus dessen Segelkameraden, die „Lustigen Sieben", ein. Als sich der Bauunternehmer Guthmann dort seinen „verkleinerten Renaissancepalast“ (Georg Braasch) hinstellen ließ, räumten die „Lustigen Sieben“ das Feld und schufen sich ein Domizil im Seglerhaus am Wannsee.

Nach dem Tode Guthmanns 1924 vermietete dessen Enkel und Erbe, Hans Georg von Morgen, das Haus an den Bankier Dr. Ernst Goldschmidt, einen Vetter der Mutter Carl Zuckmayers. Der Dramatiker schrieb in diesem „Schloß am Wannsee", wie er es nannte, seinen „Fröhlichen Weinberg". Er schilderte das Schloß auch als „einen gräßlichen Kasten im Stil einer imitierten Ritterburg", aber er rühmte die Aussicht und die umgebende Landschaft. Julius Posener sagte über die Villa: „Turm und Giebel sind überinstrumentiert. Bescheidenheit wäre das letzte Wort, das diese Villa bezeichnen könnte. Dies einmal akzeptiert, ist das Haus überzeugend."

1932 wurde die Villa an den Bankier Ernst Possel vermietet. 1934 verkaufte von Morgen den Familienbesitz an Prof. Rosin, der 1935 nach England emigrierte und erst nach einem Rückerstattungsverfahren 1953 seinen Besitz an die Betreiberin des nach dem Krieg dort etablierten Hotels „Casino-Hotel am Wannsee", Frau Wanda Höxter, veräußern konnte. In den Jahren von 1938 - 1953 gab es wechselnde Besitzer. Das spektakulärste Vorhaben in dieser Zeit fand in dem Haus unter einem der Erwerber, dem Regierungsrat Röben vom Oberkommando der Kriegsmarine, statt. Die Marine entwickelte dort einen „Ein-Mann-Torpedo". Der Hotelbetrieb erregte das Mißfallen der Anwohner, und da das Gebäude immer reparaturbedürftiger wurde, verkaufte die Eigentümerin das Grundstück 1960 an das Land Berlin. Da der Senat für die vielfältig vorgeschlagenen Einrichtungen in diesem Hause keine Mittel zur Verfügung hatte, konnte 1962 das Literarische Colloquium Berlin (LCB) „gestiftet von der Henry Ford Foundation, getragen durch das Land Berlin", das Haus beziehen.

Seit dieser Zeit ist Kultur Am Sandwerder 5 gefordert und gefördert worden. Das LCB wurde von Professor Höllerer nach dem Mauerbau 1961 gegründet und 1963 als gemeinnütziger Verein eingetragen. „Er ist der begnadete Menschensammler, Anzünder von Talenten, Anstifter zur Gegenwart“ (A. Mugsch über Höllerer). Ziele des LCB sind: Verbreitung und Förderung der Deutschen und Internationalen Literatur, Präsentation Berliner Literatur im In- und Ausland durch Schriftstellertreffen, Literaturpreise, Autorenfortbildung, Stipendien, Übersetzerförderung, Internationale Autorenbegegnungen, Publikationen, Filmporträts und öffentliche Veranstaltungen. Seit Jahren findet die Vergabe des Alfred-Döblin-Preises und des Berliner Literaturpreises im LCB statt. Die Schriftsteller der Gruppe 47 tagten als erste in dem nach zwei Jahren Leerstand noch ziemlich verwahrlosten Haus, in einer ummauerten Stadt, der Insel der Bedrohung durch die Kubakrise - sowjetische Tiefflieger dröhnten über den Wannsee. Vor dieser Kulisse „stritten sie sich, daß die Fetzen flogen“ (Höllerer), „streitbare Gespräche“ (Grass), „Rankünen, Rivalitäten“ (Peter Weiß). Es waren kreative Auseinandersetzungen.

Aber wenn sie sich auch selbst nicht immer lieben, sie alle lieben das Haus Am Sandwerder, denn wenn einzelne Senatoren mal über den Verkauf der Immobilie „nachdenken“ (so geschehen 1982 und 1994), dann protestieren sie gemeinsam mit anderen Autoren, Verlegern, Kritikern, Literaturwissenschaftlern, Instituten der ganzen Welt gegen diese „fehlgeleiteten Gedanken". Zumal der finanzielle Aufwand der Stadt Berlin für die Literatureinrichtungen insgesamt weniger als 0,5 % des Kulturetats ausmacht.

Die renovierte Villa wurde Gäste- und Arbeitshaus für Autoren, Übersetzer, Theaterleute und Filmemacher, Stipendiaten. In dem nunmehr 35jährigen Bestehen des Literaturhauses sind die Namen derer, die im Hause weilten und weltweite Bedeutung haben, nicht aufzuzählen. Pars pro toto: John Steinbeck, John Dos Passos, Friedrich Dürrenmatt, Uwe Johnson, Umberto Eco, Pavel Kohout, Cees Noteboom, Toni Morrison.

"Dichters Ort“ am Wannsee ist in die Literatur eingegangen: In dem von mehreren Autoren verfaßten Roman „Das Gästehaus", in den „Eisenherzbriefen“ Gerhard Falkners, in dem Roman „Halluzination in Berlin“ Demir Özlüs und in den Gedichten Jürgen Beckers wird ihm ein Denkmal gesetzt. Johannes Guthmann, einer der Söhne des Erbauers, schildert liebevoll in „Goldene Frucht, Begegnung mit Menschen, Gärten und Häusern“ (1955), den künstlerischen Anteil seiner Eltern an der Gestaltung des Anwesens.

So schließt sich der Kreis - mit Carl Zuckmayer begann die Literaturgeschichte des Hauses am See.

Aus: Zehlendorf. Jahrbuch 1999.
Hrsg. v. Heimatverein für den Bezirk Zehlendorf (1886) e.V.,
Bezirksamt Zehlendorf von Berlin